Darum mögen Menschen keinen KI Content ->
Ende 2025, Anfang 2026 verdichten sich die Signale: KI bleibt im Netz weiterhin allgegenwärtig – allerdings findet eine Neuordnung von Vertrauten statt. Nach Jahren exponentiell wachsender, synthetischer Inhalte zeichnet sich ein Trend ab:
Menschen suchen wieder verstärkt nach Inhalten von Menschen – nach Erfahrung, Einordnung und sichtbarer Autorenschaft statt nach makelloser Oberfläche.
Auffällig ist dabei, dass diese Entwicklung nicht aus einer nostalgischen Gegenbewegung entsteht, sondern aus Überforderung. Plattformen sind voll von technisch perfekten Bildern, Videos und Texten, deren Qualität kaum noch als Echtheitsbeweis taugt. Selbst Adam Mosseri (Head of Instagram) spricht offen davon, dass visuelle Perfektion heute eher Misstrauen erzeugt als Glaubwürdigkeit. Die Logik hat sich umgekehrt: Was zu glatt ist, wirkt automatisch künstlich.
Parallel dazu verändert sich das Verhalten jüngerer Nutzer messbar. Öffentliche Feeds verlieren an Bedeutung, private Gruppen, Direktnachrichten und flüchtige Formate gewinnen. Vertrauen verschiebt sich weg vom Inhalt selbst hin zur Frage, wer etwas teilt. Nicht das Bild zählt, sondern der Absender. Nicht die Politur, sondern der Kontext.
Diese Dynamik spiegelt sich auch im Markt. Studien zeigen, dass zwar über 80 Prozent der Marketer generative KI einsetzen, aber nur ein verschwindend geringer Teil KI-generierten Inhalten tatsächlich vertraut. User-Generated Content (UGC) bleibt für fast vier Fünftel der Marketingverantwortlichen zentraler Bestandteil ihrer Strategie, während KI-Content von einer klaren Mehrheit als nicht relevant oder sogar schädlich wahrgenommen wird. Mehr als ein Drittel der Konsumenten reagiert nachweislich negativer auf Marken, die sichtbar auf KI-Werbung setzen.
Besonders interessant ist in diesem Zusammenhang der Aufstieg von Reddit. Die Plattform profitiert davon, dass sie nicht auf perfekte Antworten, sondern auf Diskussion setzt – nicht auf ein Ergebnis, sondern auf viele Perspektiven. Recherchen zur tatsächlichen Zusammensetzung von Inhalten zeigen zwar, dass auch dort KI eine Rolle spielt: Je nach Studie liegt der Anteil KI‑unterstützter oder KI‑generierter Inhalte zwischen etwa 9 und 15 Prozent. Entscheidend ist jedoch: Reddit wird nicht genutzt, weil dort Reinheit oder Echtheit garantiert wären, sondern weil man live miterlebt, wie in Threads Widerspruch entsteht, Fehler korrigiert werden und sich Positionen im Austausch einer Community verschieben.
Bei typischen Beratungs-Suchanfragen wie „bestes XY“, Alltagsproblemen oder Produktbewertungen rangieren Reddit-Threads inzwischen oft vor klassischen, SEO-optimierten Artikeln etablierter Publisher – Suchmaschinen-Upgrades priorisieren hier die widersprüchlichste Diskussion statt der glattesten Antwort.
Damit wird auch eine alte These wieder relevant: die sogenannte Dead Internet Theory, die ein von Bots und synthetischer Aktivität dominiertes Netz beschreibt. Was wir derzeit beobachten, ist keine theoretische Debatte mehr, sondern eine praktische Reaktion darauf. Nutzer passen ihr Verhalten an. Sie suchen gezielt nach Räumen, in denen menschliche Erfahrung erkennbar bleibt – selbst wenn diese unordentlich, widersprüchlich oder unvollständig ist.
Für Publisher ist das eine ermutigende Entwicklung. Menschlich erzeugter Content wird nicht verdrängt, sondern aufgewertet. Nicht trotz KI, sondern gerade wegen ihrer Präsenz. Wer Vertrauen will, muss Räume für Widerspruch schaffen – in Kommentaren, Community-Formaten oder Q&As – statt nur auf die nächste Schicht KI-Politur zu setzen. Vertrauen entsteht weniger durch makellose Oberflächen, sondern durch Transparenz. Authentizität ist knapp geworden – und damit wieder ein klarer Wettbewerbsvorteil.
Peer Weise ist Business Solutions Manager bei Upscore.