Wie ich mit meiner Best-Practice-Allergie fertig werde
Ich mache das mit der digitalen Transformation seit gut 20 Jahren. Grundsätzlich bin ich tiefenentspannt, wenn es um Veränderung geht. Aber es gibt Buzzwords, die mich nach wie vor emotional aufwühlen.
„Joachim, was ist denn aus deiner Sicht Best Practice bei…”. Da war es wieder: Best Practice. Ich merke, wie mein Andrenalinpegel steigt und ich innerlich Pickel bekomme. Was erwartet mein Gegenüber jetzt? Dass ich die ultimative supergute Onesizefitsall-Hyperlösung aus der Tasche ziehe, die immer und überall funktioniert und die Metriken nur so Richtung Himmel knallen lässt?
Okay. Ich komme runter vom Baum und frage mich: Warum werde ich immer wieder nach „Best Practice” gefragt? Und was ist vielleicht das Gute an Best Practice?
Best Practice selbst entstammt wohl dem Bedürfnis, Fehler, die woanders schon gemacht worden sind, nicht noch einmal machen zu wollen. Das ist ja eine legitime Position. Denn Fehler kosten Zeit, Geld und Motivation. Und schließlich beruht der Erfolg der Menschheit ja darauf, dass wir nicht in jeder Generation das Rad neu erfinden müssen, sondern auf dem Wissen der Altvorderen aufbauen.
Das gilt in Transformationsprozessen aber nur eingeschränkt. Fehler sind nicht nur unvermeidbar. Sie sind wichtiger Rohstoff zum Lernen. Transformation bedeutet vor allem: lernen.
Trotzdem gibt es etwas Gutes an Best Practice. Um selbst erfolgreich Transformation zu lernen, brauchen wir Thesen, was sich in unseren Zusammenhängen, mit unseren Zielgruppen, im Rahmen unserer Unternehmenskultur und unserer Strategie als möglicherweise brauchbar erweisen könnte. Und dann testen wir. Und lernen wir. Und suchen uns eine neue These (aka „Best Practice”). Und lernen weiter.
Vielleicht liegt meine Allergie gegenüber Best Practice gar nicht an Best Practice, sondern meiner falschen Vermutung: Wenn mich jemand nach „Best Practice” fragt, will er oder sie gar keine supergeile Hyperlösung, die immer funktioniert. Sondern einfach nur eine Anregung für einen Test. Und dann ist ja alles gut. Auch mit meinem inneren Gleichgewicht.
Joachim Dreykluft ist Head of Data & AI Strategies bei Upscore.